Transmedia Storytelling?!? #smcberlin

Gepostet am 22.02.2012 in Konferenz | 5 Kommentare

Transmedia Storytelling?!? #smcberlin

Was soll denn dieses Transmedia Storytelling eigentlich sein und wer sind bitteschön die Leute auf dem Podium da vorne und: was wollen sie von uns? Das sind unter anderem die Fragen, die ich vom gestrigen Social Media Club Berlin, zu dem uns Sebastian Flock einlud, mit genommen habe. Nicht alle konnten noch live geklärt werden, da vieles nur über den Twitterstream lief, also versuche ich jetzt mal ein bisschen nachzulegen und hoffe weiterhin auf Feedback!

Was ist Transmedia Storytelling?

Frei nach Henry Jenkins, der den Begriff 2003 prägte, bedeutet Transmedia Storytelling das Erzählen einer Geschichte über mehrere mediale Plattformen hinweg, wobei jedes Medium seine Charakteristika  dazu beiträgt, das Fan* – Erlebnis der Storywelt zu erweitern.

Im Idealfall kann jedes Medium auch für sich alleine stehen, zusammen ergeben sie das größere Ganze und bilden eine Erlebniswelt, die durch unterschiedliche Tore betreten werden kann.

Es geht also darum, „Erlebniswelten zu schaffen“ und gutes Storytelling ist dabei der alles entscheidende Faktor. Storytelling bedeutet jedoch nicht, dass man nur für Bücher, Filme oder Games, also Produkte, die schon eine Geschichte mit bringen, erlebnisreiche Storywelten kreieren kann. Auch um Autos, Software, …  zu bewerben oder für Bildungs- und Kommunikationsmaßnahmen kann man Transmedia Storytelling nutzen. Soviel zur Theorie. Doch wie sieht das dann in der Praxis aus?

Transmedia Storytelling Case 1

[youtube]3mg8ydfc_Lk[/youtube]

Um die Schnelligkeit und das Leistungsvermögens seines iCore 5 Prozessors zu demonstrieren, hat Intel 2011 eine eigentlich klassische Verfolgungsjagd inszeniert. Eigentlich, denn diese Verfolgungsjagd läuft über unglaublich viele (Online-) Medien im Medium ab – die verfolgte Frau hüpft und rennt durch Videospiele, Flickr-Fotos, eine Musiksammlung usw. Intel nutzt die visuellen Möglichkeiten des Computers und mehrerer Plattformen, und bannt sie in ein Video. Dabei folgt die Wahl der Medien allerdings rein ästhetischen Zwecken und ergibt sich nicht aus der Geschichte heraus. „The Chase“ ist selbst also kein Transmedia Storytelling (sondern eine linear erzählte James-Bond-ähnliche Geschichte) zeigt aber das Prinzip der Medienwechsel anschaulich und kreativ auf: würde man dieses Prinzip nun storygetrieben umsetzen und um weitere Storylines ergänzen hätte man ein Transmedia Storytelling Projekt.

Transmedia Storytelling für Filme und Bücher – Case 2 und 3

Eine der beliebtesten und gleichzeitig komplexesten Formen des Transmedia Storytellings sind ARGs (Alternate Reality Games). Wer „The Game“ gesehen hat, weiß wie ARGs funktionieren – mit dem kleinen Unterschied, dass man als Spieler weiß, ein Spieler zu sein. ARGs garantieren das Eintauchen in eine Erlebniswelt über einen längeren Zeitraum, das von Spiel-Experten als „immersiv“ bezeichnet wird: zwar kann man die spielerisch erzählten Geschichten von ARGs meist auch übers Web mitverfolgen, richtig Teil der Welt wird man aber erst, wenn man anfängt, sich einzubringen. Das geht über das Kommentieren auf Online-Plattformen bis hin zu Offline-Treffen oder inszenierten Begegnungen mit Schauspielern usw. Eine der bislang erfolgreichsten und größten Kampagnen war das Alternate Reality Game „Why So Serious?“, das 42 Entertainment für den Kinofilm „The Dark Knight“ entwickelte.

[youtube]VpuC7HhCPWA[/youtube]

Die Zahlen (nach denen sich auch jemand erkundigte) finden sich ab 4:17min. Wie ein Spieler/Fan unter dem YouTube-Clip meinte:

„I think the marketing strategies used by the dark knight were absolutely brilliant. Giving fans like myself a whole new world to enjoy is a far more effective strategy then just using simple techniques like trailers and billboards and what not. This movie has touched the hearts of millions of joker fans and I believe that is the ultimate accomplishment“ (konopk53)

Alternate Reality Games als virale Marketing-Maßnahme gibt es aber nicht nur für Hollywood-Blockbuster. In Deutschland sind vor allem Verlage recht aufgeschlossen. vm-people hat beispielsweise 2011 für den Scherz-Verlag den Thriller „Der Regler“ beworben.

[youtube]mrCrOk6iDSU[/youtube]

Ein Kennzeichen von ARGs ist, dass sie mithilfe von spielerischen Elementen – kleinen oder größeren Rätseln und Aufgaben, die man meist nicht alleine lösen kann –  eine große Anzahl an Menschen für die erzählte Welt begeistern. Die Spieler bilden relativ schnell eine Community, arbeiten zusammen und interagieren mit den Charakteren und Storyelementen, die für sie geschaffen wurden. Diese Interaktion und Partizipation führt natürlich dazu, dass die Geschichte von den Spielern mit erzählt wird – es gibt keinen einzelnen Autor einer Transmedia Geschichte mehr (bzw. es muss ihn nicht geben – inwieweit das von den Machern zugelassen wird bzw. wie stark sie das Geschehen lenken hängt vom jeweiligen Projekt ab). Übrigens müssen es nicht unbedingt ARGs sein. Auf der Webseite der vm-people finden sich noch andere Beispiele wie Finding Becca oder 66 Letters, die transmediale Erlebniswelten rund um Bücher aufbauten.

Transmedia Storytelling als Marketingmaßnahme für Produkte

… ist immer dann möglich, wenn es eine Geschichte zu erzählen gibt. Wie zum Beispiel die Story vom gestohlenen Auto, das eigentlich erst im amerikanischen Markt eingeführt werden sollte…

[youtube]z5w2CNB9clw[/youtube]

Was diese Kampagnen allesamt auszeichnet ist ihre gute Geschichte. Die Beispiele sind bislang zugegebener Maßen ARG-dominiert, doch es gibt natürlich auch Kampagnen, die sich ebenfalls transmedialer Storywelten bedienen und die kein ARG sind – wie z.B. die Happiness Factory von Coca Cola:

[youtube]NwCn-D5xFdc[/youtube]

Die Ausgangsidee der Kampagne: Coca Cola = Happiness. Das Glück steckt also in der Cola-Flasche und auf die Story drumrum kamen Wieden+Kennedy auch schnell: Wie findet eigentlich das Glück in die Flasche? Der Clip nimmt einen mit auf eine bezaubernde Traumreise, die Spaß macht. Dabei blieb es aber nicht. Jeff Gomez (Starlight Runner) wurde dazugeholt und nach vier Monaten entstand eine dicke „Show-Bible“, die einen ganzen Happiness Factory Mythos aufschrieb – zu dem Zeitpunkt wurde schon an einer Mockumentary gearbeitet, eine Webseite entworfen, über die sich Leute bei der Factory bewerben konnten usw. Gomez meint:

„We develop entire story worlds […] from a platform-neutral perspective. We’re not worried about whether it’s a TV show or a game. We’re taking the intellectual property and making it so robust as to furnish dozens, hundreds of hours of content. And we have to allow for audience interaction on a large scale. You can’t just have five characters. Xou have to build out a community and be contactable by audience members.“ (Jeff Gomez zit. nach Frank Rose: The Art of Immersion. How the digital generation is remaking Hollywood, Madison Avenue, and the way we tell stories. New York / London: 2011, S. 246)

2010 drehte Coca Cola dann noch Clips, die die Idee des „Glücksautomaten“ aufgreifen und stellte in Unis und anderen Orten Cola-Automaten auf, die nicht nur eine Cola ausgaben… (The Happiness Machine)

Es gibt noch sehr viel mehr Beispiele und Diskussionsansätze. Und noch mehr Fragen, die gestern nicht geklärt wurden. Meine Präsentation werde ich schon bald online stellen und zusätzlich folgen demnächst hier auf unserer Seite noch folgende Artikel:

Konsequenzen fürs Storytelling

Im Publikum kam von einigen, was das denn jetzt mit dem Storytelling auf sich hätte, einige vermuteten andere Definitionen des Begriffs usw. Darauf würde ich gerne in einem nächsten Blogpost weiter eingehen – und dann auch nochmal Paux aus der Warte einer Geschichtenerzählerin vorstellen…

Trans-, Cross- und Multimedia – oder einfach nur integrierte/360° Kommunikation?

Begriffsverwirrungen, Diskussionen und vielleicht auch ein bisschen Buzzword-Bullshit-Bingo

Transmedia Storytelling for Good oder Lernen macht Spaß?!

Transmedia Storytelling in Schulen und Unternehmen als interne Kommunikationsschulung

Transmedia Storytelling Berlin

Bis dahin sei noch auf die monatlichen Transmedia Storytelling Berlin Treffen hingewiesen, bei denen es kurze Impulsreferate von einer Bandbreite an Spezialisten (vom Game-Designer über Schauspieler, Drehbuchautor hin zu Kunst-Projekten) gibt. Das nächste Treffen findet am 20. März statt, weitere Infos bald auf der Homepage des TMSB.

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*Fan steht hier für User/Leser/Spieler/… Im Transmedia Manifest haben wir dafür den Begriff des „Experiencer“ gewählt, weil sich das „Erleben“ nicht auf eine der genannten Rezeptionshaltungen und auch nicht auf den reinen Konsum beschränkt

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